CASH Nr. 17 vom 27. April 2001, Seite 83
Luzi Weber
Im Park der Winterthurer Villa «Jakobsbrunnen» scheint die Zeit stillzustehen. 200 Jahre alt ist das Anwesen, hat Grosshändler und Bundesräte überlebt und jetzt, nach langen Jahren des Niedergangs, einen neuen Eigentümer gefunden: Matthias Aebi. Man merkt ihm den Hausherrenstolz förmlich an, wenn er durch das imposante Haus führt, das vollständig renoviert wird. Angekommen im Park, nutzen wir die ersten warmen Sonnenstrahlen und setzen uns für das Gespräch auf die noblen Gartenstühle, die eben erst angeliefert worden sind.
Gekommen war ich eigentlich, um mir ein Bild von der Firma Futurelab zu machen. Und wer schon ein paar Technologie-Start-ups von innen gesehen hat, der ist sich vom Kellerraum bis zur Dachmansarde so einiges gewohnt - nicht aber eine 200-jährige Villa. «Futurelab ist ein Think Tank, und deshalb wollten wir, dass unsere Mitarbeiter in einer speziellen Umgebung arbeiten können», erklärt Aebi, um dann bescheiden zu relativieren: «Das hätte natürlich durchaus auch eine alte Industriehalle sein können.» Jetzt brüten die zehn Futurelab-Mitarbeiter in der Villa über Ideen, welche zu den Telekommunikations-Dienstleistungen von morgen werden sollen.
Das Zukunftslaboratorium hat Wurzeln in der Vergangenheit
Obwohl das Futurelab noch kein Jahr alt ist, reichen seine Wurzeln schon einige Jahre zurück. 1995 gründete Aebi zusammen mit seiner Frau Catherine Rudolf, heute COO von Futurelab, und einem weiteren Partner die Firma Internet Access. Das Web war damals noch fest in den Händen der Techies, und entsprechend anspruchsvoll gestaltete sich das Einrichten eines Zugangs. «Bis wir mit Eunet das erste Mal online waren, verging mehr als ein Tag - so schlecht war die Dokumentation. Da sagten wir uns: Das können wir besser!», erinnert sich Aebi.
An Ostern 1995 brachten die Gründer höchstpersönlich die Couverts mit der Zugangssoftware für die ersten Kunden auf die Zürcher Sihlpost. Mit der wachsenden Bedeutung des Internets wuchs das Start-up schnell, sah sich dann aber zusehends einer neuen Konkurrenz gegenüber. «Swissonline und Bluewindow hatten Millionenbudgets zur Verfügung und durften Verluste schreiben zu einer Zeit, als uns noch jedes ganzseitige Zeitungsinserat schlaflose Nächte bescherte», blickt Aebi zurück. Gleichzeitig zeichnete sich ab, dass die Telekommunikationsunternehmen auch ihren Teil vom Internetkuchen beanspruchten und sich nach Übernahmekandidaten umsahen.
Firma mit Future
Die Futurelab AG ist seit August 2000 operativ tätig. Ziel der Firma ist es, Produktideen im Bereich Telekommunikation und Internet so weit zu entwickeln, dass ein Kunde diese innert weniger Monate umsetzen kann. Gegenwärtig sind bei der jungen Firma zwölf Projekte in der Pipeline. Zu den anvisierten Kunden zählen vor allem Telekommunikationsunternehmen. Die zehn Mitarbeiter von Futurelab haben grösstenteils einen Background als Softwareentwickler. 50 Prozent der Futurelab-Aktien sind im Besitz von Matthias Aebi, der Rest verteilt sich auf die Mitarbeiter. Die Firma verfügt über ein Startkapital von 608'000 Franken, für die weitere Finanzierung werden Investoren gesucht. CEO von Futurelab ist der 41-jährige Informatiker und Ökonom Matthias Aebi.
Und Internet Access liess sich übernehmen. Im Herbst 1998 erfolgte der Verkauf an Diax, und das Internet-Access-Team, das inzwischen auf über 80 Mitarbeiter angewachsen war, wurde zur Internetcrew der Telco. Bei Diax wartete bereits die nächste Aufgabe auf Aebi: Innert weniger Monate wurde mit Dplanet ein Access-Dienst für mehrere Hunderttausend User auf die Beine gestellt.
Bedeutend langsamer mahlten da die Mühlen auf der Diax-Chefetage. «Im Verwaltungsrat wurde monatelang darüber verhandelt, ob und wie man einen Gratiszugang machen könnte. Dabei war längst klar, dass die Konkurrenz einen solchen bald lancieren würde», erinnert sich Aebi nicht ohne Bitterkeit.
Voll war das Fass, als auch ein zweites Projekt nicht den nötigen Rückhalt bei den Diax-Bossen fand. Diesen schlug Aebi erfolglos vor, innerhalb von Diax einen Think Tank für die Entwicklung von Zukunftsprodukten aufzubauen. Das «Njet» aus der Teppichetage bedeutete dann die Trennung, worauf Aebi mit Idee und Mitarbeitern von dannen zog, um Futurelab zu gründen. Rückblickend bereut Aebi den Verkauf an Diax trotzdem nicht: «Wir verkauften Internet-Access in einer Situation, als wir nach jahrelanger Aufbauarbeit ganz einfach etwas müde waren. Finanziell gesehen war es allerdings nicht der richtige Zeitpunkt, denn der grosse Hype ging ja erst 1999 so richtig los.»
Die New-Economy-Flaute bremst die Zukunftsideen»
Erfolgte der Verkauf des ersten Start-ups zu früh, so wurde das zweite möglicherweise zu spät gegründet. Als Futurelab im August 2000 den operativen Betrieb aufnahm, herrschte in der New Economy bereits Flaute. Bis heute ist die Suche nach Investoren für die Ideenfabrik ergebnislos verlaufen. Damit die Löhne trotzdem ausbezahlt werden können, macht Aebis Crew jetzt vorwiegend Brotarbeit in Kundenprojekten. Enttäuscht über diese Entwicklung? «Natürlich sähe ich es lieber, wenn unsere Leute ihr riesiges Potenzial für unsere eigenen Ideen aufwenden könnten. Doch wir gewinnen auch in der Projektarbeit neues Know-how.»
Zum Abschluss unseres Gesprächs schauen wir uns das ehemalige Kutscherhaus an, das Aebi mit seiner Frau und Geschäftspartnerin schon bald bewohnen wird. Überall auf dem Anwesen finden sich Spuren der Renovationsarbeiten. «Ich musste die Erfahrung machen, dass Termine beim Bauen noch unberechenbarer sind als bei der Softwareentwicklung», lacht Aebi. Dann gehen wir ins Haus auf eine Tasse Kaffee. Es ist merklich kühler geworden in der Zwischenzeit.
Ein Futurelab-Netz
In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Winterthur entwickelt Futurelab ein Konzept, wie man in einer Stadt ein flächendeckendes drahtloses Datennetzwerk installieren könnte. Im Gegensatz zu UMTS ist die Technologie für ein solches, so genannt drahtloses WAN (Wide Area Network) heute schon vorhanden. Testinstallationen auf dem Campus der Fachhochschule und entlang einer Winterthurer Strasse sind geplant. Zum Projekt gehören auch Marketinganalysen, Machbarkeitsstudien und ein Businessplan.
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